Abschiedsrede zur Orgelstilllegung (Propst i.R. Manfred Kamper)

Abschied und Neuanfang

Am 30. Oktober 2016 hat die Gemeinde in einem feierlichen Gottesdienst von der alten Orgel Abschied genommen. Bei dieser Gelegenheit wurde die hier abgedruckte Abschiedsrede gehalten, die darin gipfelt, dass die Gemeinde und alle Bürger gebeten werden tatkräftig durch Wort und Tat  an der Anschaffung einer neuen Orgel mitzuwirken. So wird der Abschied zum Neuanfang.

 

 

Abschied von der Orgel in St. Marien Husum.

Gottesdienst am 30. Oktober 2016

 

Liebe Schwestern und Brüder

Etwas Schlimmeres kann ja einer tönenden  zum Besonderen fähigen Orgel nicht passieren als dies: Still – gelegt.

Zum Schweigen verurteilt ,nach jahrzehntelang getaner Arbeit, ihres einzigen Zweckes beraubt. Das sollte sie ja tun – sich zum Lobe Gottes spielen zu lassen. Durch sie wurde die Liebe Gottes zu Menschen und Welt in höchsten Tönen gepriesen. Uns die Menschen hat das Spiel begleitet.

Es war ihre Aufgabe das Schweigen zu brechen und damit die Welt Gottes hörbar zu machen.

Jetzt steht sie da oben – ein Gebilde aus Holz und Metall – unnütz – ein trauriger Anblick.

Niemand in dieser Gemeinde der sie gehört hat ,diese Orgel den sie begleitet hat, niemand in dieser Stadt in unserem Land, der die Konzerte von hervorragenden Organisten gespielt  gehört hat, niemand der durch die Klänge bewegt wurde kann diese Still – legung ohne Trauer bei sich aufnehmen.

Das ist schon etwas Anderes als sich von einem abgelegten Kleidungsstück zu trennen – oder ein wackelig gewordenes Möbelstück zu entsorgen.

Nein, das ist unsere Orgel, die still – gelegt worden ist.

Der Blick nach dort oben ist ein trauriger, ein wehmütiger und ganz gewiß auch ein dankbarer Blick. Indem wir ganz bewusst und ernsthaft spüren – es ist aus mit ihr indem wir dies tun, erfahren wir auch die Vergänglichkeit aller menschengemachten Dinge. Heute lernen  wir zudem ganz handgreiflich welche Fehler entstehen, wenn die Nachgeborenen im Orgelbau meinen sie könnten alles besser als die alten Meister. Sie hätte ja länger leben können – diese Orgel. Ohne dass es am Anfang einer gewusst hat ,war die Lebensdauer begrenzt auf etwa 60 Jahre.

Jetzt also gilt es Abschied nehmen – auch ich muss das tun dessen Leben mehr als 36 Jahre von dieser Orgel begleitet worden ist.

Das haben wir gelernt: ein guter Abschied, ein gelungener also wird nur gelingen unter Einschluss all der Erinnerungen, die wir in uns tragen. Jeder, der hier sitzt wird seine eigenen persönlichen Erinnerungen bewahren – Gedanken an Gottesdienste, an Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Konzerte und Aufführungen. Noch einmal besonders werden die Erinnerungen der vielen Organisten sein, die auf der Orgelbank gesessen haben. Die drei Hauptamtlichen will ich nennen : Rienecker, Weigelt und Krakenberg. Erinnerungen an großartige Höhepunkte und bei den beiden letztgenannten auch die Erinnerung an schlaflose Nächte, nicht wissend welche Schwierigkeiten die Orgel sich wohl für die nächste Gelegenheit ausgedacht hat.

1963 eingeweiht – 2016 still – gelegt.

Dazwischen liegen ausgefüllte Jahre.

Es macht ja nicht viel Sinn Statistik zu betreiben. Ich gebe aber zu, dass es verlockend ist von 2800 Gottesdiensten, die Feiertage nicht gerechnet, von 1400 Marktandachten und all den anderen Gelegenheiten zu reden. Nur auf die Zahlen kommt es ja nicht an. Es ist nicht der große Umfang der zählt. Es sind die persönlichen Erlebnisse, es ist die Bewegung, die in uns erzeugt wurde. Denken sie daran wie es war, wenn nach dem Weihnachtsgottesdienst die Türen aufgingen und wir nach dem Lied „Oh du Fröhliche“ unter festlichem Orgelklang auf den beleuchteten Marktplatz traten. Denken sie daran wie wir beim Abendmahl im Halbkreis standen und ganz leise die Orgel uns in der Konzentration hielt. Oder denken sie daran wie manchmal bei den Marktandachten der spielerisch in das Orgelspiel eingebrachte Witz uns zum Lächeln brachte.

Das ist jetzt nicht mehr. Wir sind zurückgesetzt auf die bescheidenste mögliche Form der musikalischen Aktivität. Dabei sind wir dankbar, dass wir das haben und dass immer jemand auf der Orgelbank sitzt. Nur , dabei wollen wir nicht bleiben. Hätte die Orgel noch eine Stimme so würde sie wohl sagen: Ihr wollt doch wohl nicht hinter das zurückfallen was ich – die alte Orgel – schon konnte. Es soll keine Leere und kein Orgelschweigen bleiben.

Mitschwestern und Mitbrüder! Wir wollen eine neue, eine gute, eine ausdruckstarke Orgel. Sie wird gebaut werden von einem der besten Orgelbauer in Europa. Sie wird von der Firma Klais aus Bonn gebaut.

Was wir tun wollen und was wir tun müssen ist dies: uns einsetzen für die neue Orgel mit ganzer Kraft und dafür einsetzen, dafür werben, dafür spenden und dafür beten, dass uns das große Werk gelingen möge.

Viele Menschen setzen sich dafür ein: Kirchengemeinderat, Orgelprojektgruppe, Kuratorium, Orgelbauverein. Es sollten noch mehr werden.

Schwestern und Brüder! Nehmt mit Würde Abschied und beginnt mit ganzer Kraft neu.

Es geht ja um nichts weniger als um das Lob Gottes und um die Freude seiner Menschen.

Manfred Kamper